Andere versorgen, am Leben halten oder in den Tod begleiten – das sind die Themen von Menschen, die in der Pflege oder für die Pflege arbeiten. 80 von ihnen durfte ich am vergangenen Samstag am Care Camp Köln 2017 kennenlernen. Hoch engagiert haben sie die Zukunft der Pflege diskutiert. Wofür ich Raum schaffen durfte, waren die ganz individuellen Bedürfnisse nach Resilienz und Gelassenheit.

In diesem Artikel zeichne ich meinen Workshop „Stress und Konflikte achtsam lösen“ nach. Auch wenn Du nicht in der Pflege arbeitest, lernst Du:

  • wo wir unseren Stress vermuten und wo er wirklich entsteht,
  • warum es so schwierig ist, Stress zu vermeiden, und
  • wie Achtsamkeit dabei hilft, entspannt-produktiv zu arbeiten.

Wer noch Kraft hat, kann sie einsetzen – Care Camp Köln 2017 Signature Bild

Wo wir unseren Stress vermuten und wo er wirklich entsteht

Unzuverlässige KollegInnen, schlechte Führungsentscheidungen und fehlende Mittel. Das sind ein paar der Antworten auf meine Frage, was die Pflegenden in ihren Jobs am meisten nervt. Damit unterscheiden sich die Stressfaktoren vermutlich nicht so sehr von denen, die Du in Deinem Job erlebst – auch wenn Du nicht in der Pflege arbeitest. Wir alle neigen dazu, KollegInnen, Vorgesetzte oder die Organisation verantwortlich zu machen, wenn wir Stress erleben.

Stress entsteht in uns als Reaktion auf das, was wir im Außen erleben.

Das ist verständlich, schließlich haben wir dann etwas Konkretes vor Augen, das uns stresst und an dem wir uns abarbeiten können. Stress machen aber nicht die anderen oder die Arbeitsbedingungen, sondern Stress machen wir uns vor allem selbst.

Wenn Dein Chef lauter als gewöhnlich spricht und dabei wild mit den Händen gestikuliert, ist das noch kein Stress, sondern zunächst ein Erlebnis. Wenn Du davon überzeugt bist, dass er leiser sprechen und weniger gestikulieren sollte, dann steht Dein Erlebnis im Widerspruch zu dieser Überzeugung.

Genau hier entsteht Stress: in uns als Reaktion auf das, was wir im Außen erleben. Und genau hier kannst Du ansetzen, um Stress zu reduzieren: bei den Abläufen in Deinem Inneren.

Warum es so schwierig ist, Stress zu vermeiden

So, Du hältst den Schlüssel jetzt in Deinen Händen. Zwischen Erlebnis und Stressreaktion stehst Du und kannst dafür sorgen, gelassen zu bleiben. ;) Wenn das so einfach ist, warum erleben dann so viele von uns im Berufsleben Streit, Unzufriedenheit oder Bauchschmerzen? Die Antwort liegt in unserer Entwicklung.

Zum einen springen bei Erlebnissen, die im Widerspruch zu Deinen Erwartungen und Bedürfnissen stehen, innere Stressmuster an, die Du noch aus der Steinzeit in Dir trägst. In einem sehr früh entwickelten Teil Deines Gehirns wird noch bevor Du bewusst darüber nachdenken kannst entschieden, wie Deine erste impulshafte Reaktion aussieht: Du kämpfst, flüchtest oder erstarrst.

Zum anderen ist da die Stimme in Deinem Kopf, die wesentlich dazu beiträgt, den inneren Konflikt (zwischen dem, was Du erlebst, und dem, was Du willst) zu verstärken. Zum Beispiel, in dem sie

  • … dramatisiert: „Oh Gott! So schlimm war es noch nie. Das ist das Ende.“
  • … wegschiebt: „Nicht jetzt! Keine Zeit, mich auch noch damit zu beschäftigen.“
  • … bagatellisiert: „Ach wo! So schlimm ist das ja auch wieder nicht.“

Die Botschaft ist immer die gleiche: Der Stress, den Du gerade erlebst, passt nicht ins System und muss kommentiert werden. Auch das Wegschieben oder Bagatellisieren führt zu stärkerem Stress, weil Energie dafür aufgewendet werden muss, den Stress fernzuhalten.

Wie Achtsamkeit dabei hilft, entspannt-produktiv zu arbeiten

Stress musst Du aber gar nicht fern halten; Stress gehört zum Leben dazu. Und erst wenn wir ihn als unsere natürliche innere Reaktion auf äußere Erlebnisse akzeptieren, können wir Gelassenheit finden. In diesem achtsamkeitsbasierten Ansatz geht es darum, eben nicht gegenzusteuern, wenn Gedanken oder Gefühle aufkommen, die stressen, sondern diese Gedanken und Gefühle als Teil Deines Erlebens zu akzeptieren ohne sie zu verstärken.

Lass uns dieses relativ abstrakte Konzepte mal in eine Übung verwandeln. Beim nächsten Mal, wenn Du ein Erlebnis hast, dass Stress in Dir auslöst, probiere die folgenden drei Schritte aus:

  • Innehalten: Noch bevor die Automatismen anspringen, bleib’ kurz stehen oder sitzen, schließ’ Deine Augen, atme tief und gleichmäßig ein und tief und gleichmäßig aus. Lass mit dem Ausatmen den Stress, den Du empfindest, durchfließen, ohne daran festzuhalten.
  • Wahrnehmen: Horche für einige Moment in Dich rein. Welche Gedanken und welche Gefühle sind da? Schaue sie an ohne sie zu bewerten (sage Dir innerlich „Ah, da ist Wut“ statt „Mist, ich bin total sauer“) und ohne sie wegzuschieben.
  • Loslassen: Lass die stressvollen Gedanken und Gefühle weiterziehen. Vielleicht hilft es Dir, wenn Du Dir Wolken oder Luftballons vorstellst, die langsam wegfliegen.

Diese Übung dauert nicht länger als eine Minute. Du kannst sie immer einsetzen, wenn Stress in Dir hochsteigt.

Nur wer noch Kraft hat, kann sie einsetzen – Mein Fazit zum Care Camp Köln 2017

Der Weg der Achtsamkeit ist für viele Menschen ungewohnt. Das vergesse ich als praktizierender Yogi manchmal. Der häufigste Einwand, den ich auch auf dem Care Camp Köln 2017 gehört habe, ist die Furcht davor, mit einer achtsamen, akzeptierenden Haltung die Hände in den Schoß zu legen und den Versuch aufzugeben, die Umstände zum Besseren zu verändern.

So ist das aber nicht. :) Die drei Schritte (Innehalten, Wahrnehmen, Loslassen) helfen Dir dabei, Dinge zu akzeptieren, die Du nicht (KollegInnen) oder nur mit unverhältnismäßig großem Aufwand (Organisation) verändern kannst. Du sparst jede Menge Energie, die Du ins Ärgern oder Traurigsein gesteckt hättest und kannst diese nun dafür einsetzen, aus der Kraft Deiner Ruhe heraus die Dinge zu verändern, die Du verändern kannst. Und die liegen meistens bei Dir selbst.

Andere versorgen, am Leben halten oder in den Tod begleiten – das sind Themen, die hohe Anforderungen an alle stellen, die in der Pflege oder für die Pflege arbeiten. Mein Fazit zum Care Camp Köln 2017 lautet deshalb: Nur wer noch Kraft hat, kann sie einsetzen. Und um das zu gewährleisten, ist der energieschonende Weg der Achtsamkeit bestens geeignet.

So kannst Du Stress und Konflikte achtsam lösen

Wenn Du jetzt Lust bekommen hast, Achtsamkeit mal kennenzulernen und auszuprobieren, dann schau doch beim Mindful Monday vorbei. Jeden Montag um 7 Uhr zeige ich Dir live eine einfache Übung, um entspannt durch Deine Woche zu kommen. Natürlich kannst Du die Aufzeichnung auch später ansehen. ;)

Das Care Camp Köln 2017 war übrigens eine ganz wunderbare Veranstaltung, auf der ich viel über die Pflege und ihre engagierten Akteure gelernt habe. Organisiert war das Ganze als Barcamp – eine basisdemokratische Konferenz, auf der die TeilnehmerInnen erst am Morgen der Veranstaltung gemeinsam festlegen, welche Themen, Workshops und Diskussionsrunden stattfinden. Barcamps sind traditionell niedrigschwellige Veranstaltungen, die ohne viele großzügige Sponsoren nicht möglich wären. Ihnen und dem Orga-Team gilt mein Dank.

P. S.: Sharing is caring :)

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Ein Kommentar

[…] Nur wer noch Kraft hat, kann sie einsetzen – Care Camp Köln 2017 von @patrikfrauzem […]